Sneak Preview

Ein Blick ins Buch

Kein Ratgeber über gesundes Barfußlaufen. Sondern die Geschichte einer Entscheidung – und darüber, was passiert, wenn man beschließt, sich selbst keine Hintertür mehr offenzuhalten.

Vorab-Auszug

Keine Schuhe. Keine Ausreden.

Es gibt Entscheidungen, die man immer wieder trifft. Und es gibt Entscheidungen, die man irgendwann nicht mehr jeden Morgen neu verhandeln möchte.

Barfuß zu gehen war für mich lange genau das Gegenteil einer endgültigen Entscheidung. Es war eine Möglichkeit. Eine bewusste Abweichung von dem, was selbstverständlich erschien. Schuhe anzuziehen war normal. Sie wegzulassen war die Entscheidung.

Irgendwann hat sich dieses Verhältnis verändert.

Die eigentliche Frage war nicht mehr, ob ich heute barfuß gehen wollte. Die Frage wurde, warum ich für Situationen, in denen es unbequem, kalt, gesellschaftlich auffällig oder schlicht ungewohnt werden könnte, weiterhin eine Rückfahrkarte bereithalten sollte.

Freiheit bedeutet für mich nicht, jede Möglichkeit ständig offenzuhalten. Freiheit kann auch bedeuten, bewusst zu entscheiden, welche Möglichkeit ich nicht mehr brauche.

Eine Entscheidung wird erst interessant, wenn sie schwierig wird

Solange eine Entscheidung angenehm ist, braucht sie kaum Regeln. Konsequenz zeigt sich erst dort, wo die spontane Gegenbewegung beginnt: bei Kälte, bei einem unangenehmen Untergrund, in einem Restaurant, auf Reisen oder in einem Moment, in dem der einfachste Ausweg plötzlich wieder attraktiv wirkt.

Genau dort entstand für mich der Gedanke der Selbstbindung. Nicht, weil ich mir selbst grundsätzlich misstraue. Sondern weil ich weiß, wie Menschen Entscheidungen relativieren: nur heute, nur fünf Minuten, nur für diesen Termin, nur weil es diesmal wirklich unpraktisch ist.

Aus vielen kleinen „nur diesmal“ kann sehr schnell eine Rückkehr zur alten Normalität werden.

Deshalb sollte meine Entscheidung nicht davon abhängig sein, wie überzeugend sich eine spontane Ausnahme gerade begründen lässt. Wetter, Komfort, Gewohnheit oder sozialer Druck sind reale Faktoren. Aber sie sind nicht automatisch neue Grundsatzentscheidungen.

Keine Schuhe bedeutet auch: keine Hintertür

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich, dass Produktnamen keine Rolle spielen. Wenn ein Gegenstand genau dort eingesetzt wird, wo ich sonst unmittelbar barfuß gehen würde, dann erfüllt er funktional dieselbe Aufgabe.

Auch Besitz ist nicht neutral. Schuhe im Keller, im Auto oder „nur für den Notfall“ wären nicht einfach Gegenstände. Sie wären eine jederzeit verfügbare Alternative.

Deshalb gehört zu meiner Entscheidung nicht nur das Nichttragen. Es gehört auch dazu, die spontane Rückkehr nicht organisatorisch vorzubereiten.

Je stärker der Wunsch nach der alten Lösung wird, desto wichtiger wird die Regel, die ich festgelegt habe, als dieser Wunsch gerade nicht da war.

Und wenn ich es eines Tages wirklich anders sehe?

Selbstbindung bedeutet nicht, dass ein Mensch sich selbst für alle Zukunft entrechtet. Ein spontaner Wunsch ist jedoch etwas anderes als eine bewusst veränderte Überzeugung.

Wenn ich eines Tages nach ernsthafter, zeitlich distanzierter Reflexion zu dem Schluss komme, dass diese Lebensentscheidung nicht mehr die meine ist, dann ist das eine andere Situation. Aber diese Frage soll nicht mitten in einem kalten, unbequemen oder gesellschaftlich unangenehmen Moment entschieden werden.

Genau dafür ist die Selbstbindung da.

Hier endet die Sneak Preview.
Das Buch geht weiter mit Alltag, Zweifeln, Öffentlichkeit, Reisen, Reaktionen anderer und der Frage, wie aus einer ungewöhnlichen Entscheidung eine langfristig tragfähige Lebenspraxis wird.